Rätselhaftes Ding, diese Ernährung.
Ein Satz, den ich enorm oft lese ist dieser hier:

„Sage mal Nicole, nun habe ich alles gelesen aber Du schreibst nirgends, was Du eigentlich isst und wie Du so abnimmst…“

Jedes Mal, wenn mir dieser Satz unterkommt, schaue ich etwas fragend aus der Wäsche und moniere mit einem: Doch, klar, steht doch überall.

Das gleiche passiert, wenn ich vis a vis gefragt werde, wie ich das eigentlich handhabe denn meine Antwort scheint schlicht nicht zufrieden stellend zu sein.

Man erwartet, dass ich bei einer Abnahme von nun über 160kg doch irgendein bahnbrechendes Geheimnis haben muss, irgendeine Wunderpille, ein Wundermittel, DIE ultimative Methode. Oder dass ich das Geheimnis aller Geheimnisse gelüftet habe und dies nun, konspirativer Mensch wie ich bin, für mich behalte. Ich blöde Kuh.

Glaubt mir, wenn dem so wäre, würde ich nicht mit meinem dicken Hintern hier sitzen und Blog schreiben, während ich mühsam meine Kilos loswerde sonder stünde im gläsernen Turm meines eigenen Imperiums und würde den lieben langen Tag aus dem Lachen nicht mehr herauskommen.
Mit so einem Umhang. Im Wind flatternd. Wir verstehen uns?!

Wir leben in einer Zeit, in der von allen Seiten berichtet wird, dass man nur dann abnehmen kann, wenn man auf grundlegende Ernährungsbausteine verzichtet, am Besten gleich nur noch trinkt aber dann bitte den richtigen Shake, mit viel Gen-Soja und „gutem Honig“ und dazu diese Algen-Bio-Wunder-Kapseln einwirft, die auch garantiert, hundert Pro, also absolut und unwiderruflich Fett verbrennen – einfach so.
Dann machen wir den dicksten Looser Sexy und schon nach nur einer Hand voll Wochen hast Du – egal wie dick du bisher warst, eine Bikinifigur!

Kinners, ich wiege knapp unter 180kg. Bikinifigur in wenigen Wochen? Alles klar, DAS will ich sehen!

Wenn es nicht irgendwie geheimnisvoll, sagenumwoben, „der neueste Trend aus den Staaten“, schmerzhaft oder mit mega viel Verzicht verbunden ist, aus dem Urwald kommt in Form irgendeiner Beere oder nicht mindestens 23 Ergänzungsmittel in einem Tütchen vorweisen kann und dabei lächerlich teuer oder schwierig ist, dann scheint es schlicht nicht richtig zu sein.

Mal im Ernst, lasst euch doch nicht so einen Scheiß einreden, Himmelherrgott!!

Wie kommt es, dass wir denken, stinknormale Ernährung wäre Gift für uns?
Wann kam der Punkt, an dem eine Banane Gift wurde, Kohlenhydrate der Feind wurden, Fette das Übel dieser Welt hervorrufen, Essen generell als „schlecht“ deklariert wurde und das Wetter nicht mehr Wetter sondern Klima hieß?!
Es muss teuer sein, geheimnisvoll klingen, mindestens einen L-Carni-Dingsbums im Namen tragen und stets dem aktuellen Trend der Dinge folgen, die man gerade mal wieder nicht darf weil…
Nun folge eine Liste meiner liebsten Argumente:

– Die in der Steinzeit das auch nicht hatten.
– Man dabei gezielt Fett am Bauch verbrennt. (Ganz bestimmt!)
– Kohlenhydrate machen dick! (Schon das Wort lässt Fettpolster anschwellen)
– Eiweiß macht schlank! ( – Ach komm, geht weg. – )
– Zucker ist Gift!
– Es geht nur mit/ohne…
Und überhaupt badete Kleopatra ja auch schon in Eselsmilch!

Wir haben uns so lange von vielen Seiten eintrichtern lassen, dass Essen an sich schon etwas falsches und schlechtes ist, dass sogar Gemüse Krebs erzeugt, Genuss etwas schlechtes ist, Essen eine Sünde darstellt und wir nur dann wirklich „gesund“ sind, wenn wir schlank sind und kaum etwas essen, dass wir nun sofort zweifeln, wenn nicht gar verteufeln, wenn jemand sagt:
Och, ich esse eigentlich alles.

Und so lüfte ich an dieser Stelle mal das Geheimnis meiner „Methode“:

Ich esse!
Und ich esse sehr gern!
Ich bin allen Anschein nach Essgestört, anderenfalls wäre ich nicht derart fett geworden.
Essen ist meine Droge und ich glaube nicht daran, dass man das in den Griff bekommt in dem man möglichst lange hungert, auf alles verzichtet oder alle paar Wochen und Jahre dem neuesten Trend, der nächsten Wunderpille oder dem darauf folgenden noch besseren Drink hinterher läuft.

Ich glaube an Essen.
Ich glaube an vollwertige Nahrungsmittel.
Ich glaube an Genuss.
Ich glaube an Spaß und Leidenschaft beim Essen und beim zubereiten dessen.

Also einmal ganz konkret, was isst Nicole eigentlich:

Ich esse alles.
Also nein, nicht ganz alles. Ich hasse Rosenkohl und Innereien finde ich auch eher abstoßend.
Ich mag keine Meerestiere und stehe nur bedingt auf Insekten aber sonst bin ich da recht flexibel.

Ansonsten meine ich mit alles übrigens „Alles!“.
Ich esse, worauf ich Lust habe, achte dabei darauf, dass ich innerhalb meiner Tagesbilanz bleibe (Wie viele Kcal darf ich und wie viel muss ich und was wäre zu viel, was zu wenig an Kcal am Tag), ich baue viel Obst und Gemüse in meinen Ernährungsplan, esse Kohlenhydrate (Vorzugsweise langkettig aber gerne auch mal kurzkettig) und Eiweiß und Süßkram wenn mir danach ist.
Ich schaue worauf ich Lust habe und plane danach meinen Tag.

Ja, ich plane. Denn natürlich geht es darum, die Kontrolle nicht zu verlieren, deswegen notiere ich, was ich esse. Ich plane vor und wenn meine Bilanz das Limit erreicht, dann ist eben Schluss mit Essen für den Tag. Das ist okay, am nächsten Tag geht es ja bereits von vorn los mit dem „leeren Bilanz-Konto“.

Ich brauchte eine ganze Weile um zu dem Punkt zu kommen, dass es nicht schlimm ist, wenn ich „heute“ nicht mehr so viel darf, dass ich nicht verhungere, wenn ich mal „Nein danke“ sage und dass es aber auch okay ist, wenn es mal zu viel an einem Tag war, dann schaue ich halt, dass ich das über die Woche wieder aufhole.

Ich kenne also meine Bilanz. Ich kenne meinen Grundumsatz und meinen Gesamtumsatz. Ich kenne meinen Junk. Ich kenne meine Macken und Eigenheiten beim essen, ich weiß was ich gerne mag, was nicht, was mir gut tut und was mir schadet und ich weiß, dass ich ohne Essen mein Ziel nicht erreiche.
Also esse ich.

Es gibt in meinen Augen keine schlechten Lebensmittel, es gibt minderwertige Lebensmittel und es gibt Lebensmittel, die einen nicht gut tun aber schlecht ist am Ende maximal die Masse an Lebensmitteln, nicht die Art an sich. (Tierhaltungsdiskussionen an dieser Stelle mal ausgenommen.)

Es gibt in meinem Leben keine Light-Produkte, keine absoluten Verbote aber es gibt auch keine Ditäten, keine Pülverchen, keine „nur dies“ oder „nur das“ Ernährungsmethoden. Es gibt bei mir keine Tabletten, keine Operationen, keine Beeren die angeblich die Fettverbrennung blockieren, keine Wunder-Metall-Stäbe die messen, was ich essen darf.
Ich bin schlicht zu alt und schon zu lange auf meinem Weg als dass ich großartig Bock hätte, mich immer wieder von der immer wieder neuen, nächsten, „jetzt noch wirkungsvolleren und tolleren“ Abnehmmethode, Diättrends oder dergleichen verarschen zu lassen.

Was esse ich also konkret:

– Ich frühstücke, weil ich meinen Stoffwechsel liebe.
(Brot, Aufschnitt, Butter, Obst, Gemüse, Eier, Nüsse, Müsli… was immer mir in den Sinn kommt.)

– Ich esse über den Tag. Immer mal wieder. Zwischendurch. Kontrolliert aber mit Genuss.
– Viel Gemüse. Einiges an Obst. Nüsse. Reiscracker…
– Ich trinke viel. Wasser. Tees. Kaffee. Schorlen.
– Ich schaffe es nicht immer mittags zu essen und das ist Okay.
. Ich esse für mein Leben gern Abends.
– Und das warm.
– Also tue ich das auch.
– Und da gibt es von einfachem Abendbrot über Nudeln, Reis und Kartoffeln, Aufläufen und Fisch, Pizza, Pasta, Salaten, Thai, Indisch, Gemüse, Currys und so ziemlich alles, was meine Küche so hergibt. Ach je, diese Liste ist endlos.
Und um es nicht zu unterschlagen: Ja natürlich mache ich Sport. Ich schwimme, walke, beginne gerade mit Pilates etc.

Ihr Lieben, um abzunehmen braucht es keine Wunder.
Es braucht Mut und Durchhaltevermögen. Es bedarf ein wenig Wissen über Lebensmittel und dessen Zusammensetzung. Man muss wissen was man darf und was einem nicht gut tut. Wie viel man vor allem darf und ab wann es zu viel ist.
Es braucht Willen. Den Willen etwas zu ändern und manchmal braucht man schlicht Hilfe.
Nicht alle Schritte kann man alleine gehen und dann darf man sagen, dass man es allein nicht packt, dass man den Überblick verliert oder dass man schlicht nicht weiter weiß.
So kam ich überhaupt erst zu meinem Beruf.
Denn als ich damals vor der Herausforderung stand, gute 200kg verlieren zu müssen war ich sehr hilflos und hätte jemanden an meiner Seite gebrauchen können.
Heute bin ich dieser „Jemand“ der gern zur Seite steht.
Und auch in meiner Arbeit verkaufe ich keine Wundermittel. Keine „in einer Hand voll Wochen bist Du für immer schlank“ – Lügen und keine Diäten oder Diätpülverchen.

Es geht darum herauszufinden, wer man ist, wo man hin möchte, warum man überhaupt dick ist. Denn Übergewicht ist nicht die Krankheit sondern das Symptom dafür, dass irgendwas nicht stimmt. Es geht darum etwas zu lernen. Nämlich dass man nicht verhungert, dass man etwas für sich tun kann, dass „sich etwas Gutes tun“ nicht allein an fettige oder zuckerreiche Lebensmittel gebunden ist.
Es geht darum, Struktur zu finden und dann zu intensivieren, zuzulassen, dass man Fehler gemacht hat und nun etwas ändern muss, seinen eigenen Weg zu finden und dann, ganz am Rand aber doch als Rahmen geht es darum, was man isst aber auch dass man isst.

Und dass diese ganzen „Tricks“ und „Zusatzmittel“ und „Diäten“ so hoch frequentiert werden hat einen banalen Grund: Niemand will abnehmen – alle wollen schlank sein.
Das gilt übrigens auch für mich oder glaubt hier jemand ernsthaft, ich habe mächtig Bock jeden Tag aufs Neue an mir zu arbeiten?
Dies ist sicher nicht der Fall aber noch weniger als dies zu tun habe ich sonderlich Laune darauf, in ein paar Jahren wieder von vorn zu beginnen.
Wer abnehmen will, muss essen.
Und man muss satt werden.
Und hier die gute Botschaft:

Es ist egal ob Du fett bist oder nicht, Du darfst und musst dennoch essen!
Es ist erlaubt Hunger zu haben auch wenn alle immer so tun, als müssten sich gerade übergewichtige Menschen vom Essen ganz weit fern halten.
Es geht nicht darum dass Dicke essen, es geht darum was und wie viel wir essen.
Ihr dürft Hunger haben!
Ihr dürft auch mal zu viel essen!
Ihr dürft auf Nudeln abfahren auch wenn da der Trend anderer Meinung ist.
Ihr dürft auf Feiern ans Buffet.
Ihr dürft…
Denn ihr müsst essen!

Als dicker Mensch lernt man schon früh, dass man disziplinierter sein soll als alle anderen. Dass man nicht darf und dass was man tut stets etwas schlechtes ist.
Dabei müssen wir das, was wir doch nicht dürfen. Essen.
Und niemand sagt uns wie es geht, alle erwarten nur, dass man es kann.

Man kann durchaus abnehmen, es ist kein Hexenwerk und es bedarf keiner ominösen oder trendigen Zusatzmittel oder Diäten.
Es braucht aber Kraft, Energie, Durchhaltevermögen, manchmal ein Rückgrat, oft ein dickes Fell und den Glauben an sich.

Du bist was Du isst?
Oder ich esse, also bin ich?

Mir ist das alles recht egal.
Ich weiß, dass mir Essen sehr wichtig ist, mein Leben dreht sich darum.
Persönlich, beruflich… Es ist mein steter Begleiter also warum so tun, als wäre dem nicht so.
Ich esse gern und vielfältig und nehme dabei ab.
Weil es nicht darauf ankommt, dass man sich möglichst dolle kasteit, sondern dass man nachhaltig, ganzheitlich (Du bist eben mehr als nur fett) und langfristig abnimmt.
Mit Genuss!

Essen kann Medizin sein – für die Seele allemal.
Denn wer aufhört zu genießen, wird ungenießbar.
Abnehmen geht, langfristig und gesund, nur mit Essen.
Also esst und nehmt euch Zeit dabei herauszufinden, was euch gut tut und was euch fett macht.

So. Und jetzt gibt es Schokolade.
Und das tollste daran:

Man darf naschen, wenn man abnehmen will.
Versprochen.

Nicole