Ich könnte mich ja aufregen…

…und es wäre ja langweilig, wenn ich es nicht auch tun würde.
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Mich kotzen diese ganzen Dicken-Selbstakzeptanzforen so an.

Nicht weil ich sie überflüssig finde, ganz im Gegenteil, ich bin absolut dafür dass sich jeder – auch und gerade dicke Menschen – akzeptieren und lieben sollen und müssen.

Ich glaube nur einfach, dass von vielen dicken Menschen und Foren für Dicke das Wort „Selbstakzeptanz“ entweder falsch verstanden oder missbraucht wird.

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Und zwar mit Anlauf.

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Ich war vor einigen Jahren, als ich anfing abzunehmen, auch einmal in einem solchen angemeldet weil ich mit meinen Ü300kg auf der Suche nach allem war, was mir irgendwie hätte helfen können.
Witziger weise waren es ausgerechnet diese Foren, die mit mir in keinem Fall sprechen wollten und so dauerte es nicht lange bis man mich erst darum bat, meine Meinung zu ändern und mich am Ende dann mit dann mit Schimpf und Schande des Forums verwiesen.

Nun möchte man ja meinen, es handelte sich bei meiner Meinung zu bestimmten Themen darum, dass ich kund tat gern Kinder zu essen, die Fußball WM langweilig finde oder leidenschaftlichen Sex mit Ottern habe.
Es war aber viel banaler… oder viel schlimmer, je nachdem wen ihr fragt.

Ich schrieb sinngemäß nämlich folgendes:

„Hallo, mein Name ist Nicole, ich habe ein fieses Problem mit meinem Übergewicht und muss da was unternehmen.“
Ein paar weitere Sätze zu meiner Ausgangssituation und was ich suche später, soll es das auch schon gewesen sein.

Die Reaktion auf mein Schreiben war interessanterweise vollkommen anders, als ich es erwartet hätte. Man reagierte nämlich recht ungehalten darauf, dass ich mitteilte, etwas an meinem Gewicht ändern zu wollen und verwies mich darauf, dass es doch beleidigend anderen Menschen gegenüber sei zu sagen, man wäre nicht zufrieden mit sich.

Oh?!

Immerhin sei man hier zwar auf einer von Deutschlands größten Plattformen zu dem Thema Dicksein und Übergewicht aber wir möchten doch bitte nicht über das Thema sprechen wenn es darum geht etwas gegen Übergewicht zu tun.

Ääääh…

Es ginge hier um Selbstakzeptanz und…

Jetzt kommt’s

…wenn ich mit mir nicht zufrieden sei, sollte ich doch erst einmal daran arbeiten und habe hier nichts verloren. Das Thema Gewicht, Abnehmen und Strategien diesbezüglich seien hier nämlich untersagt.
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BÄM!
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Ich war gelinde gesagt erstaunt und nach ein wenig Überlegung stellte ich die Frage, seit wann sich (Selbst)Akzeptanz und der Wunsch nach einem gesünderen, vielleicht längeren und vor allem leichteren Leben denn ausschließen?
Immerhin bedarf es doch erst einmal Akzeptanz der Situation, um überhaupt etwas in Angriff zu nehmen und ich halte mich durchaus für eine geile Sau und liebe mich sehr, wäre nur gern etwa 200kg leichter um nicht in 10 Jahren tot zu sein.

Tjaaaa… damit rief ich dann wohl die selbst ernannten Forengötter auf den Plan, welche mich mit viel Zeter und Mordio darauf hinwiesen, dass ich sehr frech sei, ja fast schon beschämend für „uns Dicke“, dass man hier Menschen helfen möchte mit sich selbst auszukommen und dass abnehmen, Gewichtsverlust und dergleichen kein Thema dabei sein dürfen. Es wäre sogar ausdrücklich untersagt über Gewicht das Abnehmen zu sprechen.

Frech?
Ich?
Zugegeben, den Schuh muss ich mir wohl anziehen.
Alles andere hingegen fällt unter die Kategorie:
Mhmmmm… ahaa…. soso, also… ja… Schwachsinn!!
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Ich drösel das mal auf:

Es ist also okay fett zu sein aber es ist nicht okay fett zu sein und etwas dagegen tun zu wollen, weil man sich dann ja nicht akzeptiert, verstehe ich das richtig?
Auf die Spitze getrieben ist es also besser mit 50 den ersten oder zweiten Herzinfarkt zu haben und sich Gedanken um Grabblumen zu machen aber es ist nicht okay sich besser fühlen zu wollen??

Interessant.
Klingt für mich etwas dumm aber dennoch interessant.

Und ja. Stimmt, das verstehe ich tatsächlich nicht.
Seit wann schließt es sich denn gegenseitig aus abnehmen zu wollen und sich dennoch zu akzeptieren?
Akzeptieren so wie „man“ ist.
Was ist „man“ denn? Nur Dick? Oder Nur Persönlichkeit? Oder am Ende vielleicht sogar eine Persönlichkeit und dick? Oder eine dicke Persönlichkeit? Gott bewahre, das würde ja Fragen aufwerfen. Kann ich mich mögen und dennoch Veränderung wollen?
Ich behaupte, dass man sich mögen und akzeptieren muss um es dauerhaft zu schaffen sein Ziel zu erreichen.

Oh und ja, ich bin der Überzeugung, dass man sich akzeptieren und lieben kann und muss, egal wie man aussieht, dass das aber nicht bedeutet, dass man sich nicht dahingehend verändern kann und darf, wie man sein möchte.

Und dann hat man entweder die Wahl, zu blieben wie man ist und zu „ich bleibe wie ich bin“ gehört dann bitte nicht, dass man sich nicht wohl fühlt oder man wird eben zu einer Abnehmplattform verwiesen, die dann wiederum lauter Menschen beherbergt, die sich fast schon dafür hassen und mindestens mal verurteilen, dass sie zu dick sind.

Akzeptanz oder Hungern – das Schwarz/Weiß in der Welt der Dicken.

Warum wird das Thema immer umgedreht?
Es heißt fast immer: Du akzeptierst Dich nur, wenn Du so bleibst wie Du bist.
Warum ist der Umkehrschluss dann: Wenn Du etwas verändern willst, dann liebst Du Dich nicht so wie Du bist?
Oder aber: Du bist erst liebenswert und schön, wenn Du schlank bist, drum nimm erst ab und liebe dich dann?

Bullshit!!
Beides ist nicht richtig!
Denn beides ist entweder schwarz oder weiß und geht jeweils davon aus, dass man nur entweder abnehmen kann oder sich akzeptieren und lieben kann – dazwischen gibt es nichts.

Wie affig!
Ich mache bald selbst ein Forum auf und nenne es:
„Hör auf zu flennen und mach was!“
Oder:
„Wetten, dass Du Gewicht verlieren und Dich trotzdem jetzt schon toll finden kannst?“
Oder vielleicht:
„Es ist nicht wichtig was Du wiegst – es ist wichtig, wie es Dir damit geht!“

Und das ist es doch am Ende oder?
Scheiß auf BMI und Idealmaße.
Es geht darum, ob ich mich wohl fühle so wie ich bin oder nicht.
Und ich kann mich toll finden und mich trotzdem nicht rundum wohl fühlen.
Das ist kein Oxymoron.

Aber wenn sich diese „Akzeptierten“ so wohl fühlen, warum platzen dann die Foren aus allen Nähten? (An dieser Stelle fallen mir gerade etwa 500 Witze über Dicke ein… *gg)

Dieses Ewige Schwarz/Weiß Gesabbel.
Ob ich mich liebe so wie ich bin?
Aber hallo!
Da ist es ja!
Ich finde mich grandios, deswegen will ich auch in 40 oder 50 Jahren noch Menschen auf den Wecker fallen können und nicht in 20 Jahren bereits den Hintern dicht kneifen.
Sich zu lieben heißt doch auch, etwas zu tun, um sich lange zu erhalten Himmelherrgottnochmal!
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„Du musst Deinen Körper so lieben wie er ist!“

JA! Genau! Und weil ich das tue möchte ich dass es ihm besser geht! Ich möchte dass er weniger Schmerzen und weniger zu schleppen hat und weil zu meinem Körper auch mein Kopf und meine Seele und meine Psyche gehören, möchte ich mich wohl fühlen.
DAS ist übrigens auch Selbstakzeptanz und Liebe!

Zu sagen: „Ich bin toll aber ich möchte nicht auf ewig so aussehen. … Ich mag mich und gerade deshalb möchte ich alt werden … Ich gebe mir selbst die Chance auf ein langes und gesundes Leben“ DAS ist doch überhaupt erst Selbstliebe und Selbstakzeptanz.

Akzeptanz ist nicht gleichbedeutend mit Stillstand!

„Ich bin dick und akzeptiere mich wie ich bin… deswegen bleibe ich auch so!“

Ach soooooo! Deswegen!

Und ich dachte, weil Du schlicht zu faul bist deinen Hintern hochzubekommen!

Ach und weil das so ist akzeptierst Du auch, dass sich nichts ändert, dass Du spätestens in ein paar Jahren ernsthafte Probleme bekommen wirst, wenn Du diese nicht längst schon hast.
Und natürlich auch, dass Du womöglich nicht sonderlich fit bist, bei vielen Dingen gerne agiler wärst, dass deine Gelenke, dein Bindegewebe, deine Muskeln und und und darunter leiden, aber naja, nützt ja nichts, Du bist ja dick.
Deswegen darf man das Thema „Abnehmen“ oder „Übergewicht“ auch nicht direkt ansprechen.

Fette Menschen fühlen sich nämlich beleidigt, wenn man ihnen das Offensichtliche sagt.

Klar. Das verstehe ich natürlich vollkommen.
Immerhin hast ja nicht Du das Problem sondern andere haben das Problem mit Dir.
Und weil Du dich ja so akzeptierst, muss es wohl an den anderen liegen.
Soll die Gesellschaft sich doch ändern!
Soll die Gesellschaft doch toleranter mit fetten Menschen sein und Dich nicht mehr hänseln und Klamotten in größere Größe machen und die Eisdielenstühle ausfräsen, damit Du da rein passt!
Immerhin hast Du Dich ja akzeptiert!

Ich verrate euch jetzt mal ein Geheimnis:
Das wird nicht passieren!
Weil es nicht die Aufgabe deines Nachbarn ist, dass Du Dich wohl fühlst sondern ganz allein Deine!
Und weil es „den anderen“ nicht weh tut wenn Du Schmerzen hast. „Andere“ lachen vielleicht, gucken dumm oder lassen einem schlechten Spruch fallen – nach 10min. bist Du denen aber wieder vollkommen egal.
Egal wie Du Dich fühlst.
Was also hilft Akzeptanz der anderen – wenn es Dich nicht voran bringt?
Und wie verstehe ich mich zu akzeptieren, wenn das bedeutet, dass ich genau so bleiben muss?

Jaaa auch ich bin sehr für mehr Gelassenheit in der Gesellschaft und dafür, dass einige Menschen einfach mal die Klappe halten wenn sie sonst schon nichts kluges zu sagen haben und ich bin tierisch genervt davon, dass man ständig damit konfrontiert ist, dass man dick ist.

Aber jetzt mal im Ernst.
Echt jetzt?
Darauf warte ich jetzt?
Ach kommt schon…

Dann sollten wir auch akzeptieren dass es oftmals scheiße aussieht, dass Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt, dass wir niemals allen gefallen können, dass andere Menschen eben andere Ideale haben, dass man aneckt mit seinem „anders sein“ und dass es an uns liegt, die Situation zu ändern sollten wir uns daran stören.

Und jaaaaaa, dann gehört zu Akzeptanz auch, dass man etwas ändern möchte!!
Ganz besonders dann!

Also los.
Geh raus, sei eine geile Sau, zieh Dich toll an wenn Du willst, hübsch Dich auf oder was auch immer und zeig Dich, lieb Dick, akzeptiere Dich und trete für Dich ein.
Hab eine Meinung und ein Gesicht zu deinem dicken Hintern und trete doch zur Abwechslung mal für Dein Wohlbefinden ein.

Dass man heutzutage tatsächlich Rechenschaft ablegen muss – gerade dicken Menschen gegenüber – wenn man abnehmen möchte ist doch wohl lachhaft.
Und ich bin davon überzeugt, dass das purer Selbstschutz ist.
Zu sagen „Ich akzeptiere, also bleibe ich“ schützt einen ja auch wunderbar davor mal den eigenen Arsch hoch zu kriegen und was zu unternehmen.

Ich sage übrigens nicht, dass jeder mit Übergewicht sich schlecht fühlen sollte und schon gar nicht, dass jeder Idealgewicht haben muss.

Abgesehen davon, dass ich „Idealgewicht“ für ein Märchen halte.
Und ich sage auch nicht, dass man sich mit ein paar Kilo „zu viel“ auf den Rippen nicht vielleicht sogar sehr wohl fühlen kann.
Ich werde mit 100kg auch zufrieden sein und weiß, dass das für andere eine riesige Last wäre oder ist.

Übergewicht macht weder zwingend krank noch zwingend glücklich.
Aber ich wage es zu bezweifeln, dass diese ganzen Fetten-Foren voller Menschen sind, die sich weiß Gott wie akzeptieren mit ihren XY Kg zu viel und absolut keine Probleme haben…

…oder warum genau muss es dafür Foren, Selbsthilfegruppen und Stammtische geben die den „Schutz der Gruppe“ bieten?

Weil wir uns akzeptieren wie wir sind und damit absolut keine Probleme haben nehme ich an?!

In dem Moment wo ich mich einer Gruppe anschließe, die sich darüber beschwert, dass Dicke in der Gesellschaft diskriminiert werden habe ich doch bereits ein Problem.
Und dass Plattformen, die sich Gehör verschaffen (wollen), Akzeptanz damit gleich setzen, sich nicht verändern zu wollen oder zu dürfen, dass man dort nicht ehrlich sagen darf:
„Ja. Ich mag mich. Aber dass ich 50kg zu viel habe, das belastet mich, können wir einen gemeinsamen Weg finden?“ das finde ich fragwürdig bis bedenklich.
Dass Übergewicht eine Belastung und ein Problem sein kann – und das schon sehr früh, sollte man doch bitte nicht weg schweigen und die Gesellschaft oder weiß der Geier wen die Verantwortung zuweisen, um Veränderung zu erzeugen.
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Zum Schluss hier jetzt mal eine richtig gute Nachricht:
Übergewicht ist ein selbst gewähltes Schicksal!
Niemand muss fett sein.
Jeder kann, aber keiner muss.
Wenn es Du was erreichen willst, dann bekomm‘ deinen Hintern hoch und mach was.
Man ist dem Dicksein nicht ausgeliefert.
Das ist keine Behinderung, auch wenn es einen behindert und es ist keine Sache, an der man nichts ändern kann. Dicksein ist keine Krankheit.

Und das ist etwas tolles!

Du darfst Dich umwerfend finden und dennoch abnehmen.
Du darfst fett sein und das bleiben wollen – aber dann jammere nicht.
Du darfst abnehmen wollen und dich vorher schon schön finden.

Was diese Foren einfach nicht verstehen in meinen Augen:
Was du für ein Mensch bist und was Du von Dir selber hältst hat nichts mit deinem Gewicht zu tun.
Das eine zu wollen das andere aber nicht – oder umgekehrt – sind zwei vollkommen verschiedene paar Schuhe.
Du musst nicht schlank sein um dich zu lieben und zu akzeptieren.

Du musst aber auch nicht dick bleiben, nur weil Du Dich liebst und akzeptierst.

Du musst Dich wohl fühlen.
Und dabei ehrlich zu Dir selbst sein.

Also akzeptiere und liebe ich mich und ändere trotzdem was, weil ich ganz ehrlich weiß, dass Übergewicht mich irgendwann zu Grunde richten kann.
Und es gibt für jedes Problem, für jedes Kilo zuviel eine Lösung und einen Weg.
Versprochen.

Und das muss man leider akzeptieren. 😉

Nicole.

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