Moin Kinners!

Stell Dir vor es ist Wiegetag, und keiner geht hin.
Gestern war es wieder so weit, der Gang auf die Waage stand an – dummerweise haben wir uns verpasst, meine Waage und ich.

Sie war wie gewohnt da, wo sie immer ist, unter dem Badschränkchen.

Ich hingegen war in Hamburg um an einem Projekt mitzuwirken, von dem ich die Woche noch berichten will (an dieser Stelle knote ich den 27 Knoten in mein imaginäres Taschentuch.)

Nun möchte man meinen, das sei ja kein Problem, dann stelle ich mich einfach heute auf die Waage oder morgen oder so.
Aber weil ich nicht nur fett sondern auch ganz besonders eigenwillig bin in manchen Bereichen, geht das natürlich nicht mal eben so. Also klar kann ich mich jeder Zeit wiegen, nur zählt das Gewicht eben nur dann, wenn auch der Zeitpunkt stimmt.

Ich habe da so meine Rituale.
Gewogen wird sich immer freitags, immer morgens, immer ohne Klamotten und immer allein in meinem Badezimmer, wobei meine Waage immer auf ein und dem selben Punkt auf zwei Kacheln steht.
Und nein, ich möchte jetzt nicht hören, dass ich spleenig sei – auch dann nicht, wenn es stimmt.

Ich rede über mein Gewicht, ich nehme aber niemanden mit um zuzusehen.

Das mag paradox klingen, für mich ist das aber ein wichtiger Moment in jeder Woche.

Ich habe so lange gebraucht um mich überhaupt auf eine Waage zu stellen, dass es über die Jahre zu einem lieb gewonnenen, aber auch sehr strukturierten Ritual geworden ist.

Dabei geht es mir gar nicht darum, dass niemand sehen soll, wenn ich zunehme, abnehme oder Stillstände zu verzeichnen habe. Das wäre auch albern, immerhin blogge ich hinterher auch darüber ob was passiert ist oder eben nicht.
Es geht schlicht darum, dass dieser Moment einer ist, für den ich Jahre gebraucht habe um ihn überhaupt zuzulassen und anzunehmen, um mich ohne größere Dramen auf eine Waage zu stellen um später offen darüber zu sprechen und heute gehört dieser Moment nur mir.

Als ich das noch nicht tat, weder in Regemäßigkeit noch überhaupt, habe ich Magenkrämpfe bekommen beim Gedanken daran, mich auf eine Waage stellen zu müssen und ich habe immer – wirklich immer und ausschließlich über die Zahl auf der Waage gelogen.
Vollkommen obskur wie das auch war, ich habe immer Dutzende Kilo unterschlagen bis ich das erste Mal – da wog ich etwas unter 250kg, offen aussprach, was ich wirklich wiege.

Zu meiner Überraschung war das nicht nur nicht so schlimm wie erwartet und die Reaktion auf die Zahl zwar erstaunt aber nicht vernichtend, wie ich es Annahm. Nein, es war auch noch sehr sehr befreiend. Ständig zu berichten, was gerade gewichtstechnisch so vor sich geht, hat also nebenbei auch eine heilende Wirkung.
Bis dahin behauptete ich übrigens immer (!) ich würde 149kg wiegen.

Warum es diese Zahl war kann ich nicht erklären, aber ich sagte stets sehr reumütig, es seien diese 149kg, ich wisse dass das viel sei aber ich würde ja schon daran etwas ändern.
Weder die Zahl noch die Änderung war real.

Für diesen damaligen, aller ersten offenen Moment habe ich mir übrigens die Waage gekauft, die ich auch heute noch nutze.
Meine Waage ist groß, kann, wenn man es nicht ausstellt, sprechen und wiegt bis 250kg.
Nein, sie sagt dann nichts sarkastisches wenn ich auf ihr stehe. Obwohl ich das sehr begrüßen würde. Sie spricht lediglich das angezeigte Gewicht.
Ich habe sie mir damals zur Belohnung gekauft, als ich das erste Mal weniger als 250kg wog. Es war da auch das erste Mal, dass ich mich wieder mit beiden Füßen auf eine Waage stellen konnte anstatt, wie vorher, immer auf zwei Waage zu stehen weil eine einzige mein Gewicht mit einem düsteren „Error“ betitelte.

Und seither ist sie eine Mischung aus Krieg und Frieden in Rechteck-Form.
Mein Zen- und mein Glasgarten.
Ort der Meditation und des Schimpfwortkreationismus.

Ich muss das recht oft diskutieren. Vor allem mit Ärzten. Die sehen das bisweilen absolut gar nicht ein, dass ich nicht in deren Praxis auf deren Waage steigen will.

Die Sprechstundenhilfe meiner Gynäkologin ist da ganz besonders resistent und weigert sich seit Jahren standhaft, das zu akzeptieren.
Und so passiert es jedes Mal aufs Neue, dass sie ganz fies gelaunt wird, wenn ich ihr sage:

„Ich habe mich heute Morgen gewogen, ich wiege XY, das wird Ihnen leider reichen müssen, ich stelle mich nicht auf Ihre Waage…“
Wozu auch? Wer schon einmal auf einer Waage in Arztpraxen stand weiß, die wiegen, wenn man Glück hat, bis 150kg.
Das mag für viele locker reichen, bei mir würde die Waage aber exakt das hier anzeigen:
„Bitte nicht in Gruppen aufsteigen!“
Wozu soll ich mir also dieses Erlebnis geben?
Klar, sollte ich mal wieder mächtig Bock darauf haben, dass mich eine Sprechstundenhilfe um die 60 abschätzig betrachtet und Sätze fallen lässt wie „Aha… Ja, nun Frau J. Sie sind halt zu schwer für eine normale Waage aber haben Sie schon einmal an eine Diät gedacht? Eine Freundin von mir hat da… also… Kennen Sie eigentlich die Ananasdiät?!“ dann melde ich mich freiwillig, bis dahin ist es jedoch etwas unnützer Zeitvertreib.

Man sollte aber nicht glauben, dass ein „Gute Frau, das Angebot mich bei Ihnen zu wiegen ist wahrlich sehr nett, jedoch wiege ich 30kg mehr als Ihre Waage verträgt. Das ist nicht schön aber ich arbeite dran…“ irgendwas bewegen würde. Nein nein.
Es folgt ein langer Beitrag darüber, dass das aber sein müsse, für die Akten, die Daten, den Frieden in der Welt und die hungernden Kinder, die innere Sicherheit und den Tierschutz und dass sie sich weigern würde, meine Weigerung zu akzeptieren, immerhin könnte ich ja auch lügen was mein Gewicht anginge und dem wollte sie vorbeugen.

…Klaaaar, wer kennt sie nicht, die Frauen, die ihr Gewicht nach oben hoch lügen um möglichst schön dick zu wirken.

Ich machte ihr einst Vorschlag:
„Tragen Sie mich auf Ihre Waage – dann bleibe ich dort auch stehen. Solange das nicht geht, werden wir jedes Mal aufs Neue diskutieren.“
Seither ist sie arg muggsch (Für alle nicht-Norddeutschen: Das heißt so viel wie beleidigt) mit mir und begrüßt mich immer mit: „Madame steigt ja nicht auf die Waage, bitteschön.“ und dreht sich weg.
Was für ein Sonnenschein.
Dabei bin ich in der Praxis seit ich etwa bei 230kg war. Ergo ist das nichts Neues für die Dame. Aber vielleicht ist es die Routine oder ein innerer Drang oder sie will mich einfach unbedingt auf dieser verdammten Waage haben. Ich weiß es nicht.

Ich finde es vollkommen okay, dass man nicht nachvollziehen kann, dass ich ganz offen über alles rede, aber niemanden beim Akt des Wiegens zusehen lasse.
Aber lasst es mich anschaulich und nachvollziehbar erklären:

Es ist eine Sache, über das Abtasten der Gebärmutter (Männer ersetzen dieses Wort in diesem Beitrag bitte durch das Wort „Prostata“) zu berichten, vom nackig machen übers in Pose bringen (Kerle, Bücken, ihr wisst schon…) bis hin zum Befund. Eine andere ist es aber, wenn 276 Leute drum herum stehen, mit Grubenlampe auf der Stirn die Szenerie beleuchten, mal kurz einen Latexhandschuh ploppend überstreifen und mit „ahaaa… hmhmmmm… oh guck, kann ich auch mal anfassen?!“ kommentieren was sie sehen.

In diesem Sinne:
Der nächste Freitag kommt bestimmt und bringt den nächsten Wiegetag mit.
Ob ich dann berichte, ich würde jubeln oder meinen Eintrag mit lautem Schimpfen beginne, bleibt abzuwarten.

Euch da draußen wünsche ich einen erfolgreichen Gang auf Eure Waage.
Ob nun allein im Bad oder übertragen auf einer Großleinwand.

Und eines noch: Ich habe mir vorgenommen, wenn meine Waage das erste Mal wieder eine Zahl unter 150kg anzeigt, dann mache ich ein Bild und stelle es hier ein.
Denn dann sind es 100kg weniger seit Kauf meiner Waage.
Ein sehr ersehnter Meilenstein.

So oder so – ich werde berichten.

Nicole