Moin Kinners.

Es gibt so ein paar Dinge, die ich wirklich nicht leiden kann. Spinnen zum Beispiel. Und den Geruch von Zwiebeln wenn sie zu lange an der Luft oxidieren oder aber auch lauwarme Milch.
Ich trinke nicht gern aus Plastikbechern und ich hasse Rosenkohl.
Oh und eines geht mir auch ganz mächtig auf den Sack: Fette Menschen die meinen, alle anderen wären an ihrer Lage Schuld und sie selbst würden ja sooo gerne etwas ändern, könnten ja aber nicht weil… Und an dieser Stelle folgen nun die immer gleichen bis zum Teil aber witzigsten Begründungen.

Wenn ich das höre, und das höre ich wirklich sehr sehr häufig, ist mein erster Gedanke immer: „Äh…“ und mein zweiter „Bullshit“.

Um zu erläutern warum das so ist, und weil mich nach den Bildern einige Fragen erreicht haben, fragen wir doch einfach mal jemanden, der sich diesbezüglich auch noch nicht erklärt hat:

Nicole, sage mal, was hat dich bloß so ruiniert?!

Und jetzt alle mal die Hände heben, die spätestens nach den Bildern sagen „Na Gott sei Dank fragt das mal jemand, mich hat es auch echt schon gewundert, wie man es schafft so fett zu werden!“
Also bitte keine falsche Scham – ich habe mich das auch sehr oft gefragt und die Frage: „Hey, Nicole. Du bist ja echt unterhaltsam und so und ich will auch nicht gemein sein aber sage mal, wie hast du es denn soweit kommen lassen können?“ erreicht mich öfter als man denken mag.

Meine Lieblingsfrage.
Nicht, weil ich die Frage so fies finde, sondern weil sie in der Tat die Grundlage für meinen kompletten Weg ist bis hierher.
Und weil sie durchaus gerechtfertigt ist, wir sprechen hier immerhin davon, sehenden Auges auf Ü300kg gekommen zu sein, das muss man auch erst einmal verbocken können.
Wenn ihr mögt, dann folgt mir doch einmal in die Untiefen und ekelig wahrheitsgemäßen Abgründe meiner Begründung, warum ich war, wie ich war und bin, wie ich bin. Einen kleinen Einblick darin gab ich schon einmal in einem früheren Beitrag, in dem es darum ging, was mich motiviert, hier nun der Rest der unbequemen Wahrheit.
Und dann erkläre ich auch, warum ich in 99% der Fälle der Meinung bin, dass die Schuld für Übergewicht bei sich selbst zu suchen und zu finden ist. Vollkommen egal wie schlimm es früher, gestern, damals, heute morgen war.

Ich war nicht immer fett. Schuld daran ist allein die Gesellschaft!
Nein okay, mein Arzt ist Schuld!

Scheeeeeerz, es sind meine Eltern gewesen und die Schule, der Bäcker nebenan und die, die mich hänselten!
Es ist meine Schilddrüse!

Ich habe schwere Knochen und bin auch eher so der „robustere Typ“.
Schlimm auch mit dem Lipödem und außerdem vertrage ich ja nicht alles.
Die Lebensmittelindustrie führt mich aber auch immer wieder hinters Licht, ich war als Baby schon dick und überhaupt mache ich ja alles aber nehme trotzdem zu.

Das einzig Wahre an den Aussagen da oben ist:
Ich war nicht immer fett.
Danach hört es aber auch schon auf.
Wo fange ich wohl also am Besten an.
Erzähle ich euch aus meiner Kindheit in der es viel Krankheit und Ärzte und Diäten gab oder aus meiner Jugend die noch spektakulärer klingt weil ich nicht nur ein schlimmer Langweiler war sondern auch noch oft im Krankenhaus lag und mir die Hüfte weggerissen habe?

Oder wie wäre es mit einer der 5 Kuren oder ich berichte von meinen Lehrern oder dass meine Familie schon immer etwas dicker war oder…
…worauf ruhe ich mich aus?
Erziehung? Dem bösen Schicksal? Meiner Schilddrüse? Den Genen?
Klar, ich könnte nun Detailreich ausholen und am Tag 1 anfangen aber was davon würde mich und euch wohl am ehesten zu Tode langweilen?

Ja ich weiß, viele sehen die Schuld in der Kindheit. Man habe sie damals nicht richtig an Ernährung ran geführt und die Eltern haben nicht richtig gehandelt und auch sonst hat man ihnen ja nicht Einhalt geboten.
Das sind Argumente, die ich durchaus einsehe – vorausgesetzt man sitzt noch immer im Strampler, in seinem riesen Laufstall und betitelt Gegenstände als „dada“ und „lala“.
Sollte man allerdings in einem Alter sein, in dem man nicht mehr an Muttis Rockzipfel hängt, wird dies als Grund für all das fette Übel eeeeeeetwas dünn.

Bei mir ist das nicht anders denn:
…und dann zog ich aus…
Eigenes Leben. Eigene 4 Wände. Eigener Kühlschrank. Yeah!
Binnen weniger Jahre wog ich nach und nach immer mehr bis mir erst nichts mehr passte, ich dann nichts mehr kaufen konnte, als nächstes konnte ich kaum noch laufen, hatte einen Gehstock und am Ende tat selbst der kleinste Versuch mich hinzustellen weh so dass sogar das Duschen an sich zu einer sehr schmerzhaften Angelegenheit wurde.

Und wer war jetzt schuld?
Jetzt wo keine Eltern mehr da waren die einkauften und kochten, ich zu keinem Arzt ging, ich keine Lehrer um mich hatte und keine Schüler die evtl. hänselten.
Zu dem Zeitpunkt, als ich längst nicht mehr alleine einkaufen gehen konnte weil ich den Weg nicht schaffte und Essen liefern lies, als ich Freunde nur noch sehen konnte wenn sie zu mir kamen oder wenn ich mir ein Taxi rief.

Wenn man dann, so wie ich, nachts halb sitzend im Bett liegt, auf vielen Kissen, damit man von seinem eigenen Gewicht nicht erdrückt wird und weiterhin Luft bekommt, wen, wem oder was gibt man dann die Schuld an allem was ist?

Ich habe da mal einen Vorschlag zu machen:
Wie wäre es, wenn man aufhört, seine Zeit damit zu verplempern die Schuld bei anderen zu suchen und endlich mal die 4 magischen Worte sagt, ab deren Aussprache alles besser werden kann:
Es! Ist! Meine! Schuld!
Denn genau das ist es.
Ich weiß dass man das von sich selbst nicht behaupten will und dass es einfacher ist es auf andere zu schieben und auf den wundersamen Moment zu warten, dass eine nette Fee kommt und einen den Wunsch erfüllt, endlich schlank zu sein.
Auf die Gefahr hin zu enttäuschen: Diese verdammte Fee wird nicht kommen, die ist nämlich fett und schlimm damit beschäftigt auf einen wundersamen Moment zu warten.

Schuld an der eigenen Situation, schuld an meiner Situation war und bin ich.
Nebst all dem Gefresse und dann wieder Gehungere, den Diäten und dann wieder nicht-Diäten, dem mal anpacken und mal schleifen lassen war noch etwas anderes ganz dolle ausschlaggebend:
Jahrelanges Wegsehen, die Annahme vertretend „es sei doch noch gar nicht so schlimm“. Ganz vorn mit dabei war auch Faulheit und Selbstbetrug, darin war ich auch mächtig groß!
Mich selbst zu belügen und zu bescheißen und selbst dann, als ich nicht mehr laufen konnte, war es einfacher mich selbst zu bemitleiden als endlich mal etwas zu tun.

Und genau so habe ich mich selbst ruiniert. So habe ich mich auf ein Gewicht gefressen, dass die meisten von euch in Zweiergruppen zusammen nicht wiegen.
Ich habe weg geschaut und mich geschämt aber den eigenen Arsch nicht hochbekommen. Ich habe lieber gejammert als irgendetwas anzupacken und ich habe alles getan um zu vermeiden, mal darüber nachzudenken was hier eigentlich passiert.
Und natürlich war alles wichtiger als ich es war und so Dingen wie Sport oder Ernährung stand selbstverständlich immer irgendwas im Weg und Zeit war dafür erst Recht keine.

Das ist sie auch schon, die ganze und überaus banale Wahrheit.

Und ja, ich weiß dass der Aufschrei nun groß ist und ich höre sie schon, die Stimmen die mir sagen, dass es bei ihnen anders sei weil sie krank sind, dass sie dieses und jenes Päckchen mit sich tragen und dass sie ja würden, wenn sie nur könnten und überhaupt, der Körper UND die Zeit UND die tote Oma UND … die Gene!

Lasst mich mal sehen:
Meine Schilddrüse ist derart im Eimer, dass man von einer Unterfunktion kaum noch sprechen kann, sie ist schlicht fast nicht mehr da.
Ich habe eine Stoffwechselstörung namens PCOS, die, Achtung, meinen Stoffwechsel (Ihr wisst schon, das Ding dass beim abnehmen eine große Rolle spielt) stört.
Ich habe wie die meisten fetten Frauen eine Fettverteilungsschwäche. Also dickere Beine und einen mächtig dicken Hintern. Nebst all dem anderen Kram der an mir dick ist.
Ich nehme auch Medikamente. Ich saß in meiner Jugend eine lange Zeit im Rollstuhl und habe seither Hüftprobleme.
Ich habe Allergien, ich vertrage vieles nicht, ich habe einen Fersensporn, einen nervösen Magen, Reflux und ich habe auch Gelüste, Heißhunger, schwache Momente und Tage an denen alles scheiße ist und im Moment eine Entzündung im Rücken.

So und jetzt kommst Du!

Ich bekomme wirklich hektische Flecken, wenn Menschen mir erzählen, sie können nicht abnehmen und vor allem können sie auf keinen Fall, jemals, also nahezu ausgeschlossen auch nur im Ansatz so was wie Sport machen.
Und das mit der Ernährung ist ja auch so schrecklich kompliziert.

Sie schaffen zwar den Weg zum Supermarkt aber den zum Sport bekommen sie nicht hin.
Und schwimmen ist ja auch doof wegen der dicken Beine und naja ich esse ja ganz wenig aber weißt Du Nicole, meine Schilddrüse UND bei mir in der Familie… also das sind die Gene!
Diese verdammten Gene!

Himmel! Aufhören! Bitte!

Weil ich selbst alles falsch gemacht habe und jede Träne des Selbstmitleides vergossen habe behaupte ich aus purer Überzeugung:
Es gibt schlicht keinen Grund, warum Du nicht abnehmen kannst.
Es gibt keinen Grund, weswegen Du Mist essen musst und es gibt keinen um sich nicht zu bewegen.
Egal was du in der Kindheit gelernt hast, Du kannst doch umlernen.
Und du kannst lesen, dich erkundigen, Packungen umdrehen und herausfinden was denn drin ist in dem Kram den Du in Dich rein stopfst!
Du bist alt genug, also sag doch mal „Nein danke“ oder „Verpiss Dich“ wenn das besser wirkt.
Das ist doch Dein Leben oder füttert Mama Dich noch heute?
Also was ist Deine Ausrede?
Du hast kein Geld, dann geh spazieren, das ist umsonst.
Du hast Schmerzen dann geh schwimmen.
Du hast Schmerzen und kein Geld, dann fang ganz langsam man mit Kleinen Bewegungen, leichten Übungen und ab und an mal die Zähne zusammen zu beißen bringt Dich vermutlich weiter und nicht um.
Dir ist nicht wohl dann geh zum Arzt und lass dir helfen.
Es gibt für jedes Gebrechen, für jede Krankheit, für jeden individuellen Weg genau so viele Lösungswege wie Ausreden.
Man muss nur wählen, was einem lieber ist.

Und ja ich weiß genau wie das ist.
Als ich anfing hatte ich schmerzen bei jedem Schritt. Für eine Strecke von nicht einmal 150m brauchte ich ungelogene 20 Minuten um sie zu gehen und kam schweißgebadet dann an.
Knie, Fußgelenke, Hüfte, Rücken. Alles war unerträglich Schmerzhaft.

Und ich brauchte auch Mut und Durchhaltevermögen und Schweiß und Tränen und viel Arbeit aber dann, nach reichlich zusammen gebissenen Zähnen, wurde es besser.

Viele Probleme die fette Menschen mit ihrem Körper haben sind Hausgemacht und oft sind Aussagen wie „ich bin fett, weil ich krank bin…“ nicht wahr. Umgekehrt wird ein Schuh draus, Du bist krank, weil du zu fett bist.
Gelenkschmerzen, Hormonstörungen, Fettverteilungsschwächen wie Ödeme, Bluthochdruck und all die anderen Arschgebrechen sind viel zu oft Hausgemacht.

Schlimm genug, wenn man es wie ich soweit hat kommen lassen, dann aber herumzusitzen und nichts zu tun, dafür aber zu jammern und zu bedauern, ist fast schon eine Ohrfeige wert.
Ich hätte sie damals gebrauchen können, diese Ohrfeige. Heute gebe ich sie mir selbst wenn es nötig ist. Verbal zwar aber das zwiebelt ja auch manchmal ordentlich.

Ich behaupte immer und schreibe es auch immer wieder: Wenn ich das kann, dann kann es jeder!
Und daran glaube ich ganz fest.
Es geht seit über 160kg. Trotz Schilddrüse, trotz Lipödemen, trotz dies und das und all dem Mist, den man mit sich herumschleppen kann.
Es geht trotz anfänglicher Ahnungslosigkeit, streckenweise wenig Geld, chronischer Bocklosigkeit und Versagensgedanken.

Ich habe herausgefunden, dass der erste Schritt hin zur Normalität der ist, dass man ehrlich ist mir sich selbst und ehrlich mit seiner Umwelt.
Dass man Probleme und Kinder beim Namen nennt, dass man nachdenkt und hinterfragt, dass man manchmal auch Dinge macht die ungeil sind, dass man irgendwann einmal anfangen muss und dass es oftmals weh tut.
Es kann aber immer erst besser werden, wenn man sich selbst die Chance gibt es besser zu machen.
All das was damals war ist schlimm und es kotzt auch mich an, dass ich immer wieder darüber nachdenke, dass ich heute auch einen Blog über das Eisangeln oder Turniertanz schreiben könnte anstatt zu berichten, wie das Leben einer fetten Frau so aussieht.

Aber so ist es nun einmal.
Und deswegen ist es auch irgendwie gut so.

Mich hat ruiniert, dass ich zu lange gewartet habe, dass ich zu wenig in mich verliebt war, dass ich zu viel Zeit in Lügen und zu wenig in mich selbst investiert habe.
Dass ich Krankheit und „früher“ und „Aua“ und „Keine Zeit“ und „ich kann nicht“ ohne es zu probieren und „ich will nicht weil ich ja eh scheitere“ vorgeschoben habe und dabei langsam aber sicher an mir selbst kaputt ging.

Und Du?
Was ist deine Ausrede, warum Du fett bist?
Was ist dein Grund, warum Du es angeblich nicht packst?
Was hat man Dir erzählt, warum es ausgerechnet bei Dir nicht gehen soll…

…oder was erzählst Du Dir selbst?
Wie lange darf es bei dir noch dauern, bis es besser wird?
Wie lange darf es dir noch schlecht gehen, bevor Du zulässt, dass Du Erfolge feierst?

Ein gut gemeinter Rat zum Schluss:
Egal wo Du jetzt gerade steht, was Du gerade wiegst, was Deine Geschichte ist, wo Du her kommst oder wie lang Dein Weg auch sein mag, lass es nicht so weit kommen wie bei mir.Lass nicht zu, dass Du Dein Leben und Deine Gesundheit an Deine Faulheit und Deine Ausreden verschwendest.
Das wieder gut zu machen dauert nämlich ewig und dann musst Du Blog schreiben und ich stehe einfach nicht auf Konkurenz. 😉

Oh und nein, ich heule mich nicht in den Schlaf bei dem Thema. Im Gegenteil, zu wissen, was mich so versaut hat ist mein größter Gewinn – jetzt kann ich es besser machen.
Und das mache ich auch.
Und es ist doch gut zu wissen, dass es geht, trotz viel am Anfang, trotz zig Arschgebrechen, trotz all dem Kram, den man halt so mit sich herum schleppt.

Oder?!

Nicole