Moin Kinners!

Detektiv Specknase ist mal wieder einer Spurt hinterher.
Seit einiger Zeit versuche ich bereits herauszufinden, ob mich meine Sinne trügen ober ob da was dran ist an der „Mär des lustigen Fetten“.

Ich erkläre es mal:

Als ich letztens durch die TV-Landschaft zog und mich für eine kurze Weile berieseln lies, fiel mir mal wieder etwas auf, dass ich schon öfter beobachtete: Es ist okay, über fette zu lachen.

Fette Menschen scheinen die letzte Bastion der „schmerzfreien“ Lästerei zu sein.
Gut okay, es ist vielleicht nicht sehr nett aber immerhin ist es PC und seien wir ehrlich, es ist doch auch so schön einfach und ein klitze kleines Bisschen befreiend über fette Menschen zu lachen.

Über Behinderte, zu kleine, hässliche und co zu lachen ist ja längst nicht mehr en vouge oder gar gesellschaftsfähig aber über fette Menschen dürfen wir alle noch kichern ohne dass sich wirklich jemand echauffieren würde.
Und wenn sich jemand echauffiert, dann meist selbst Dicke und die sind nicht ernstzunehmen, nicht wahr?!
So ziehen die Medienkollegen ebenso über Übergewichtige her wie der Otto-Normal-Lästerer von nebenan.

Und nicht dass hier der Eindruck entsteht, ich würde eine Lanze für die fette Nation brechen wollen, das ist es gar nicht.
Ein Bekannter von mir, der selbst blind ist und im Rollstuhl sitzt sagte mir mal: „Auch Behinderte haben ein Recht darauf diskriminiert zu werden!“ und das sehe ich ganz genau so, auch bei fetten Menschen.

Ausgesprochen interessant daran ist allerdings, dass sämtliche sonstigen Attribute und Handlungen eines fetten Menschen hinter der Tatsache des Übergewichts zu verschwinden scheinen (Auch hier verbirgt sich schon wieder ein Bilder-Witz…) und dass man, seien wir doch ehrlich, sich nicht so wirklich schäbig fühlt nur weil man über einen dicken Menschen herzieht.

So ist es total witzig dass die Fette hinfällt und sich mit – natürlich – Schokoladenpudding voll saut, dass die dicke Nachbarin nur Mist am Zaun redet und Klopapier isst oder dass die Fette da im Internet ihrem Mann Frikadellen aus dem Schritt ist.
Nicht, dass die Handlungen an sich nicht ohnehin schon witzig oder obskur wären.
Es ist, als würde fast jede Szene witziger werden, wenn ein Fetter in ihr vorkommt.

Dabei spielen ein paar Vorurteile eine zentrale Rolle.

Fette sind per se unterbelichtet, schlecht angezogen, essen den lieben langen Tag und sind sooooo witzig. Oh und wir fallen alle ständig hin – mit Pudding oder Torte.
Ich sage euch mal was, die meisten fetten Menschen die ich kenne sind gar nicht mal so witzig.

Meistens deswegen nicht, weil sie schwerstens (hihihihi… schwerstens…) damit beschäftigt sind, nicht aufzufallen oder „zierlich“ zu sein oder sich am Besten gar nicht erst blicken lassen weil sie derart oft verbal auf die Fresse bekommen haben, dass sie nun lieber zuhause Klopapier essen anstatt raus zu gehen.

Oder sie sammeln sich in Akzeptanzgruppen und strahlen diese hübsche Abwehrhaltung nach aussen aus, die selbst den netten Fetten von Gegenüber stutzen lässt.
Und ansonsten sind sie genau so lustig oder weniger witzig wie andere es eben auch sind – oder nicht sind.

„Dicke sind humorvoll und gemütlich“.
Urgs.
Ich kotze Sahnebonbons wenn ich das höre.

Da frage ich mich doch, warum es so „Okay“ und vor allem so einfach ist über einen fetten Menschen zu lachen oder herzuziehen oder gar Hetze zu betreiben.Vielleicht, weil die Medien, die Eltern, das Umfeld… uns vorleben, dass es in Ordnung ist.
Oder weil wir bisweilen auch einfach enorm damit nerven, dass wir uns immer diskriminiert, benachteiligt und sooo gemein behandelt fühlen.

Ich nehme ja nun schon seit einer ganzen Weile ab, bin noch viel viel länger fett und weiss aus Erfahrung, dass eine Sache ganz besonders dazu anhält, die Legitimation zu unterzeichnen, in irgendeiner Weise gegen dicke Menschen zu sein oder über sie zu spotten:

Wir sind selbst schuld daran, dass wir so aussehen, wie wir aussehen!

Das mag nicht immer stimmen und das ist auch so pauschal nicht wirklich immer die ganze Wahrheit. Der eine sucht sein Unheil in der Kindheit, der nächste beim Arzt, der Übernächste bei Krankheiten, Gewohnheiten, Hilflosigkeiten und/oder/und/oder…
Fakt ist aber, dass ich als fette Frau Gegenstand der Lächerlichkeit bin, weil ich etwas an meinem „Unglück“ tun oder ändern kann und es -ob es stimmt oder nicht- ja allen Anschein nach nicht tue, sonst wäre ich ja nicht so fett.

Ich weiß, wovon ich spreche. Ich wiege nun weit weit weit über 100kg weniger als noch vor einigen Jahren. Jedes Kilo mal mehr, mal weniger hart herunter gekämpft.

Wenn ich auf die Strasse gehe sieht das aber niemand. Zu sehen ist der „Ist-Zustand“ und der zeigt nun einmal eine fette Frau. In meinem Fall sogar eine fette Frau mit überschüssiger Haut.

Das sieht so dermaßen scheiße aus bisweilen, dass man einfach gucken muss.

Und vielleicht müssen einige auch grinsen oder lästern um sich selbst zu vergewissern „Gott sei Dank gibt es noch andere, die beschissener aussehen als ich.“

Ich habe nämlich vor langer Zeit bereits die Theorie aufgestellt, dass das Lästern über andere schlicht nur über die eigenen Unzulänglichkeiten hinwegtäuschen soll.

Getreu dem Motto: „Gott sei Dank, es gibt jemanden, der ist hässlicher/kleiner/fetter/ärmer/andersartiger als ich es bin…“

Das gibt einfach ein gutes Gefühl – manchmal – und Hoffnung.

Eines aber stimmt ganz sicher:
Wir, die wir unzufrieden sind mit unserer Figur – und erst dann tut es auch weh wenn jemand über uns herzieht oder mit den Fingern auf uns zeigt – sind in der Lage den Zustand zu ändern.

Ich persönlich vermag ganz sicher nicht das Bild, welches Menschen über mich in ihrem Kopf spinnen, während sie mich nur kurz betrachten, zu korrigieren und das will ich auch gar nicht, weil es mir schlicht zu anstrengend ist.

Jedoch vermag ich es, mich soweit körperlich zu rehabilitieren, dass es mir gut geht und nicht mehr so wichtig ist wie andere reagieren.

Denn erst wenn ich anfange nicht mehr wie auf Eiern durch die Weltgeschichte zu gehen weil „Oh weh, es könnte ja jemand mitbekommen, dass ich eine fette Frau bin…“ erst dann werde ich „uninteressant“ für die Umgebung und Spott trifft nicht mehr so hart.
Dennoch lasst euch etwas sagen, ihr, die ihr wegen irgendwas Mittelpunkt einer Lästerei oder Hetzerei werdet:
Wenn es nicht eure Figur ist, dann ist es irgendwann mal das Haar, die Kleidung, die Aussprache, die Nase, die Meinung oder der Lebenspartner.

Wir sind niemals perfekt und es wird immer irgendjemand irgendwas an uns auszusetzen haben – an jeden von uns, an jeden von euch!

Und mal Hand aufs Herz: Beziehen wir vielleicht einmal zu oft alles auf uns und unsere Figur?

Haben wir nicht oftmals selbst schon angefangen uns nur noch als fetten Menschen und sonst nichts zu betrachten? Reagieren wir nicht auch gerne mal über, obwohl wir 10min später selber über irgendjemanden grinsen?
Sind wir nicht manchmal auch echt unsympathisch und provozieren Reaktionen?

Und deswegen ist es auch okay, dass das TV über fette Menschen lacht.
Nicht okay ist es, wenn ich als fetter Mensch darüber heule und nichts unternehme um an mir etwas zu verändern.
Niemand MUSS ganz dringend fett sein obwohl er auch anders sein kann, wenn er es gern würde.

An der Gruppe die spottet, dem TV das witzige Clips zeigt, der Schlagzeile die verächtlich titelt, dem Mädel dass nicht an mir vorbei gehen kann ohne zu kichern, kann ich nichts ändern aber dafür sorgen, dass ich mich wohl und meinetwegen auch schön finde, dass ich zwar Bilder in Köpfen fremder Menschen auslöse, diese aber in Wirklichkeit nicht bediene, weil ich eben nicht die Fette mit der Schokotorte auf dem Sofa bin die sich selbst bemitleidet und einen IQ gleich der Außentemperatur habe, das kann ich.

Du kannst!
Ich kann es ja auch!
Und wie wir wissen: Wenn ich es kann, dann kann es jeder!

Und ein ganz kleiner aber wertvoller Tipp am Rande:
Sich selbst nicht immer allzu ernst zu nehmen macht das Leben so viel erträglicher – auch für andere.

Fette sind nun einmal manchmal zu brüllen komisch, finden wir uns damit ab.

In diesem Sinne:

Cheerio