Moin da draußen!

Ich werde immer wieder gefragt, wie ich das mit dem Sport halte, ob ich welchen mache und vor allem: „Sage mal Nicole, gehst du schwimmen? Ich persönlich traue mich ja nicht in einen Badeanzug geschweige denn in ein Schwimmbad. Weil… nun ja, ich glaube, dass das nicht gut aussieht!“

Nun einmal einen kleinen Hinweis an alle, die meinen, sie würden im Badeanzug ab 50kg zuviel einigermaßen bescheuert aussehen:
Das stimmt!

Das ist aber auch nicht schlimm und ich erzähle euch hier auch mal warum.
Auf los geht’s los mit einem schonungslosen Rundumblick auf mich im Badeanzug und dem Grund, warum ihr euch dennoch alle trauen solltet.

Los:

Zunächst einmal: Ich liebe es schwimmen zu gehen!
Allerdings ist da natürlich so eine klitzekleines Problem…
Ich weiß nicht ob ihr es schon mitbekommen habt aber, ich bin ein fettes Weib.
Ich bin in etwa genau so breit wie ich lang bin (plus minus 3cm) und bin natürlich eine Augenweide in einem Badeanzug.

Ich besitze einen. Also einen Badeanzug.
Er ist schwarz und hat so Bordeauxfarbene breite Streifen an den Seiten die (Achutng!) Kaschieren sollen.
Kaschieren? Bei einer Badeanzuggröße von 60/62?
Was sollen die denn Kaschieren wenn ich fragen darf?
Wenn ich in einem Badeanzug stecke kann man höchstens was kaschieren indem man das Licht ausschaltet.
Da wird wohl kaum einer sagen
„Schau mal, die hat Beine wie Rababerstampfer aber der Baaaaaaaaaaauch ist ja schön kaschiert!“
Also sowas.
Man kann einen Öltank doch auch nicht kaschieren indem man ein Fähnchen dran hängt.

Ich liebe ja diese engen Dinger.
Sie betonen so schön unvorteilhaft jede, aber auch wirklich jede Problemzone.
Nun gut, nicht weiter schwieg, ich bestehe quasi zu 99% aus Problemzone!

Allein in das Ding reinzukommen ist ein Akt der Nächstenliebe.
Ich habe da so meine Technik, erst den Bauch, dann der Arsch.
Wenn ich es umgekehrt mache, gehe ich bauchfrei baden!

Wenn ich endlich in dem Ding drin bin habe ich folgende Auswahl: Entweder zeige ich der Badewelt die Hälfte meiner Oberweite oder den unten rausqellenden Bauch!
Letzteres ist jetzt nicht soooo die Augenweide.
Aber anders geht es nicht, ich passe nur bedingt in diesen Badeanzug.
Es ist noch zu viel Fett übrig am Ende des Stoffes!

Und schon mal versucht einen Badeanzug zu kaufen der größer ist als 60?

Genau!

Ich gehe immer in einer Therme schwimmen.
Zum einen sind da weniger Assis, zum anderen stehe ich auf warmes Wasser.
Wenn man aus den Umkleiden in Richtung Dusche geht, muss man am Becken vorbei.
Und man glaubt ja gar nicht wie schnell man die Aufmerksamkeit anderer auf sich lenken kann.
Ich könnte nun sagen „Ich sehe sie gar nicht, ich ignoriere sie…“ aber das stimmt nicht, ich bekomme jeden Blick mit und Ich kann in ihren Gesichtern lesen was sie denken…
…und es beginnt immer mit „Oh! Mein! Gott!…“

Sollte Ich es unfallfrei und ohne größere Peinlichkeiten aus der Dusche rausgeschafft haben, wird es erst richtig lustig.
Ich muss Mein Handtuch weglegen.
Normale Handtücher gehen prinzipiell nicht um Mich herum!
Ich habe eines das so lang ist, das Christo damit Hamburg verhüllen könnte.
Extra erworben versteht sich, das durchschnittliche Badelaken sieht an mir aus, als klebte eine Briefmarke an meinem Hintern.
Aber es nützt ja nichts, das Handtuch muss weg.
Und das ganze Grauen wird im vollen Ausmaß sichtbar.

Ich bin kein schöner Anblick im Badeanzug, wirklich nicht.
Ich habe einen riesen Hintern, der alle Rekorde schlägt. Aber viel schlimmer noch als mein Bauch (der ist ja schön kaschiert – Bordeaux-Rote Streifen!!) und Mein Hintern sind Meine Beine.
Ich habe einigermaßen erträgliche Unterschenkel, definierte Fußgelenke, nette Füße…
…aber Meine Oberschenkel gehen gar nicht.
Und ich meine: GAR NICHT!
Sie sind monströs und da es scheinbar irgendwann nicht mehr im gesamten dicker werden konnte, haben sich beide Oberschenkel dazu entschlossen, an den Innenseiten so dicke (ach sagen wir es wie es ist) Fettwülste zu entwickeln. So Oberschenkelschürzen quasi.
(Ich sollte mal ein paar Streifen drauf kleben… so zum kaschieren und so..)
Die sind da. DAS ist die unverblümte Wahrheit Meiner selbst. Unglaublich wie scheiße sowas aussieht!
Und durchs abnehmen wird das immer schlimmer denn nun hängt das ja seit geraumer Zeit so schön. Ganz großes Kino.

Ich hege ja die wage Hoffnung, dass das irgendwann mit der Abnahme verschwindet und wenn nicht, dann steht ja ohnehin noch die OP an…

Nun gut, weiter im Text:
So wie Ich dort auf der Treppe stehe, mit diesen Beinen, den dicken Oberarmen, dem Bauch und dem restlichen Problemzonen. Die beinahe Nackte Wahrheit auf zwei Beinen. Mich verwundert es nicht das Menschen da abgeschreckt sind, ich würde auch komisch gucken.

Natürlich ist dies nur eine Momentaufnahme die klingt als würde ich 20std. auf der Treppe stehen. In Wirklichkeit lege Ich Mein Handtuch ab und sehe zu, dass Ich so schnell wie möglich ins Wasser komme – da hat das Glotzen dann erst einmal ein Ende.
ERSTMAL!

Schwerelosigkeit. Beinahe!
Das Wasser ist Mein Verbündeter. Ihm macht es nichts aus Mich zu tragen.
Das Gefühl sich bewegen zu können wie jemand der nur halb so viel wiegt wie ich. Immer wieder wundervoll! Schmerzfrei und beinahe schon elegant.
Wasser lässt einen gleiten. Das Wasser verurteilt Mich nicht, es umschließt Mich und trägt Mich überall hin. Sogar die ganzen 60 Bahnen lang.
Danke Wasser!

Tjoa! Ihr kennt das was nun kommt alle:
Was einmal ins Wasser rein gegangen ist muss da auch zwangsläufig irgendwann wieder raus.
Dies ist der Moment, an dem die Schwerkraft erbarmungslos zuschlägt.
Dieses Gefühl, dass man schon längst auf dem Heimweg ist, während der Ar*sch noch immer im Wasser ist.
Gebt es zu, das geht jedem von Euch so!

Übrigens ist dies auch der Moment, an dem Ich am besten merken kann, was Ich eigentlich tagtägliche Meinem Körper antue. Was ich ihm zumute indem er Meine Kilos schleppen muss.
Es tut Mir leid Körper! Wirklich! Ich mache es wieder gut, nein Okay, das kann Ich nicht, aber Ich mache es wieder besser! Versprochen.

Der Weg ins und aus dem Wasser führt einzig und ausschließlich über eine Treppe.
Es ist eine Metalltreppe die beim draufstellen leicht nachgibt und dann ein Geräuscht macht das in etwa so klingt:
BOOOOOOOOOAlleMalHergehörtFetteFrauAufTreppeOOOOOOOOOOOOOING!
Toll. Danke! Das ist etwa so bereichernd wie „mit dem Stuhl zusammenbrechen“. Genau das was man braucht um ein letztes mal Mittelpunkt des Geschehens zu sein in diesem Outfit das einen Anschreit!

Ab zum Handtuch.
Auf dem Rückweg aber immer langsam.
Wozu noch Eile? Jeder hat gesehen was es zu sehen gab. Mittlerweile bin Ich uninteressant. Die Frau der das rechte Bein fehlt, die gerade ins Wasser gleitet, ist nun viel interessanter.
Und auch sie schämt sich für ihre ca. 30kg Übergewicht und ihre Behinderung, ich kann es sehen.
Ich kann es sehen weil Ich weiß wie man aussieht wenn man sich für sein Aussehen schämt, wenn man die Blicke auf seiner Haut spürt die man am liebsten gleich wieder abwaschen würde.

Und da kann Mein Ego noch so groß und Mein Selbstbewusstsein noch so stark sein, Im Badeanzug überkommt Mich von Zeit zu Zeit das Gefühl der Scham. Ich kann sie fühlen, die ganzen Blicke. Den Ekel der anderen und die Abscheu, die Vorurteile und manchmal auch das Wohlwollen.
Ich spüre es und obwohl Ich mit hoch erhobenem Haupt ins Wasser gehe, warte Ich auf den Moment, an dem es vorbei ist, an dem die Blicke wieder Richtung Freund, Badenudel, dem spannenden Krimi oder auf die Wasseroberfläche wandern, denn erst dann bin Ich frei Mich zu bewegen.
Sie haben sich satt gesehen, nun ist der Nächste dran.
Ich bleibe Tapfer! Da trotzt sogar Meine Schweinehummel und sagt „Du machst es für uns. Schei*ß auf die anderen!“ Und sie hat Recht, es ist Mir nicht egal dass sie gucken und lästern, aber ich stehe über dem und lasse es über Mich kommen weil Ich weiß wofür Ich es tue, weil Ich weiß: Wenn ich nicht hierher gehe und Mich diesem Gefühl und diesen Blicken aussetze, werde Ich sie auch niemals los werden.

Und wenn Ich es zulasse, dass Mich solche Kleinigkeiten unterkriegen – dann wäre Ich nicht Ich!

Meine Therme hat Fette Frau Freundliche Umkleidekabinen. Riesen Groß mit Gartenstühle so breit dass Ich ganz bequem reinpasse. Toll!
Irgendwann klaue Ich mal einen. Ich stopfe ihn Mir einfach unter den Pulli, denn DAS fällt nun wirklich nicht mehr auf. *schlepp*

Samstag bin Ich wieder da.
Zum „Pfundigen Schwimmen“.
So heißt diese Wassergymnastik-Gruppe.

Eine Gruppe von Fetten Menschen die sehr damit beschäftigt sind auszuloten, wer schlanker ist (und somit gemieden wird) und wer fetter ist (und somit das Opfer böser Lästereien wird).
Ein lustiges Grüppchen von etwa 50 Menschen. (Und nein, Ich bin nicht die Dickste…) Die sich alle hassen.
Von oben müssen wir aussehen wie eine Kloß-Suppe im eigenen Saft.
Lecker.

Ich werde wieder dabei sein. Mit Meinem schönen Badeanzug. Inmitten all dieser Menschen die ihren Selbsthass an ihrem Gegenüber auslassen und Mich fragen:

Was hat uns bloß so ruiniert?!
Aber wie war das doch gleich:
Wenn ich es kann, dann kann es jeder!
Also Mädels, Jungs, ab in die Badeklamotten – irgendwann wird es besser.
Versprochen!
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!
Es war mir ein Vergnügen.

Nicole